LEXIKON

Präanalytik

Präanalytik bezeichnet alle Schritte, die vor der eigentlichen Messung im Labor liegen: Identitätskontrolle, Entnahme, Kennzeichnung, Versiegelung, Transport, Lagerung und Eingangsprüfung. Diese Phase entscheidet darüber, ob ein späterer Messwert überhaupt aussagefähig ist. Sie ist gleichzeitig der Abschnitt, in dem in der Praxis die meisten Fehler entstehen – und der einzige, in dem ein Fehler später nicht mehr korrigiert werden kann.

Die sieben Schritte vor der Messung

Die präanalytische Phase lässt sich in eine feste Abfolge gliedern. Jeder Schritt hat ein eigenes Ziel und eine eigene Fehlerquelle:

Schritt Ziel Typischer Fehler
Identitätskontrolle Die Probe stammt von der richtigen Person Ausweis nicht mitgebracht oder abgelaufen
Entnahme Geeignetes Material in ausreichender Menge Falsche Entnahmestelle, zu wenig Material
Kennzeichnung Eindeutige Zuordnung von Probe und Auftrag Unvollständige oder mehrdeutige Beschriftung
Versiegelung Nachweis der Unversehrtheit Siegel fehlt oder löst sich
Transport Unveränderte Ankunft im Labor Wärme, Feuchtigkeit, Verzögerung
Lagerung Erhalt der Analyten bis zur Messung Zu warm, zu hell, bei Blut nicht tiefgefroren
Eingangsprüfung Vollständigkeit und Unversehrtheit feststellen Prüfung nicht dokumentiert

Auffällig ist, wie wenig davon mit Chemie zu tun hat. Es geht um Abläufe, Papier und Sorgfalt – und deshalb ist dieser Teil störanfälliger als die Messung, die unter kontrollierten Bedingungen abläuft.

Identität und Sichtkontrolle bei der Urinabgabe

Vor jeder Kontrolle ist ein Lichtbildausweis vorzulegen, bei jedem Termin, nicht nur beim ersten. Ohne diese Prüfung steht am Anfang der Kette keine belegte Zuordnung, und der ganze Rest der Dokumentation hängt in der Luft. Wer den Ausweis nicht dabei hat, kann in der Regel nicht abgeben.

Die Urinabgabe erfolgt unter Sichtkontrolle, einschließlich einer Kontrolle von Ober- und Unterkörper. Der Grund ist ausschließlich, die Zuordnung der Probe zur abgebenden Person unmittelbar zu sichern – eine Zuordnung, die sich nachträglich nicht mehr herstellen lässt. Details unter Sichtkontrolle und Identitätskontrolle.

34 bis 38 Grad: warum direkt nach der Abgabe gemessen wird

Unmittelbar nach der Abgabe wird die Temperatur der Urinprobe gemessen; der zulässige Bereich liegt bei 34 bis 38 Grad Celsius. Frisch abgegebener Urin hat Körpertemperatur und kühlt danach schnell ab, weshalb die Messung sofort erfolgen muss und nicht nachgeholt werden kann. Eine Temperatur unterhalb dieses Bereichs ist ein Hinweis darauf, dass die Probe nicht unmittelbar zuvor von der abgebenden Person stammt.

Der Wert wird protokolliert und ist später nachvollziehbar. Fehlt er, fehlt ein Baustein der Verwertbarkeit, selbst wenn die Analyse unauffällig ist. Mehr dazu unter Probentemperatur.

Haarentnahme: Entnahmestelle, proximales Ende, Restlänge

Bei Haarproben liegen die präanalytischen Anforderungen an anderer Stelle. Entnommen wird am Hinterhauptshöcker, dem Bereich am hinteren Kopf, weil dort das Haarwachstum am gleichmäßigsten ist und die Zuordnung von Länge zu Zeit deshalb am belastbarsten wird. Geschnitten wird direkt an der Kopfhaut – jeder Millimeter Abstand verschiebt den erfassten Zeitraum.

Das proximale, also kopfhautnahe Ende der Strähne wird markiert. Ohne diese Markierung wäre im Labor nicht mehr erkennbar, welches Ende der jüngeren Vergangenheit entspricht, und eine zeitliche Auswertung wäre unmöglich. Zusätzlich wird die verbleibende Haarlänge dokumentiert, damit nachvollziehbar bleibt, welcher Zeitraum überhaupt zur Verfügung stand. Ausführlich unter Haarentnahme und Haarentnahmestelle.

Haarbehandlungen offenlegen, auch die zurückliegenden

Eine präanalytische Angabe betrifft nicht das Material, sondern seine Vorgeschichte: Kosmetische und chemische Haarbehandlungen sind offenzulegen und werden dokumentiert. Der Hintergrund ist belegt – permanente Verfahren, Färbungen, Tönungen und Bleichvorgänge können eingelagerte Marker erheblich verringern.

Daraus folgt der praktisch wichtigste Punkt: Eine nicht deklarierte Haarbehandlung macht auch einen negativen Befund unverwertbar. Wer eine Behandlung verschweigt, riskiert also nicht nur einen falschen Wert, sondern den gesamten Beleg – einschließlich der bereits investierten Programmzeit. Die Angabe ist immer der sichere Weg, weil das Labor sie in der Bewertung berücksichtigen kann. Siehe Haarkosmetik.

Warum ein präanalytischer Fehler im Labor nicht reparabel ist

Analytische Probleme lassen sich in der Regel lösen: Ein unklares Screeningergebnis klärt eine Bestätigungsanalyse, ein Geräteproblem die Wiederholung, eine Unsicherheit im Wert die erneute Messung der Rückstellprobe. Alle diese Wege setzen aber voraus, dass das Material das Richtige ist und sein Weg dokumentiert ist.

Genau das kann eine präanalytische Panne nicht nachliefern. Wurde der Ausweis nicht geprüft, lässt sich die Identität nachträglich nicht belegen. Wurde die Temperatur nicht sofort gemessen, ist der Wert für immer verloren. Wurde die Strähne nicht markiert oder nicht kopfhautnah geschnitten, ist die Zeitachse dahin. Fehlt das Siegel, ist die Unversehrtheit nicht mehr beweisbar. In allen diesen Fällen ist die Messung technisch weiterhin möglich – nur ist ihr Ergebnis nicht mehr verwertbar. Das ist der Kern der Sache: Die Analytik ist der beherrschte, die Präanalytik der kritische Teil.

Was Betroffene selbst beitragen können

Der größte Teil der Präanalytik liegt bei der durchführenden Stelle. Vier Punkte liegen aber im eigenen Einflussbereich: den gültigen Lichtbildausweis zu jedem Termin mitbringen; pünktlich und in dem vorgegebenen Zeitfenster erscheinen; alle Angaben im Laborauftrag vollständig und richtig machen, insbesondere zu Haarbehandlungen und Arzneistoffen; und bei Haarterminen die Haarlänge nicht kurz vorher verändern lassen. Diese vier Punkte verhindern die häufigsten vermeidbaren Ausfälle.

Häufige Fragen

Was gehört alles zur Präanalytik?

Zur Präanalytik gehören Identitätskontrolle, Entnahme, Kennzeichnung, Versiegelung, Transport, Lagerung und Eingangsprüfung im Labor. Alles, was danach kommt, ist Analytik; die Befundbewertung und Berichterstattung zählt zur Postanalytik.

Warum muss ich bei jedem Termin den Ausweis zeigen?

Weil die Zuordnung der Probe zur Person bei jeder einzelnen Kontrolle belegt sein muss, nicht nur einmal am Programmbeginn. Eine einzige Kontrolle ohne dokumentierte Identitätsprüfung kann die Lückenlosigkeit des Gesamtbelegs infrage stellen.

Kann ein Fehler bei der Entnahme durch eine gute Analyse ausgeglichen werden?

Nein, und das ist die zentrale Botschaft dieses Themas. Die Messung kann nur bewerten, was ihr übergeben wurde; sie kann keine fehlende Dokumentation ersetzen und keine falsche Entnahmestelle korrigieren.

Muss ich eine Tönung angeben, wenn sie Monate zurückliegt?

Ja. Behandlungen wirken auf das gesamte zum Zeitpunkt der Behandlung vorhandene Haar, also auch auf Abschnitte, die den zu belegenden Zeitraum abdecken. Angaben dazu gehören immer in den Laborauftrag, auch wenn sie zurückliegen.

Verwandte Begriffe

  • Chain of Custody – die Dokumentationskette, die die präanalytischen Schritte zusammenhält
  • CTU 2 – das Kriterium, in dem die Anforderungen an Probenahme und durchführende Stelle stehen
  • Probentransport – der Abschnitt zwischen Entnahmestelle und Labor
  • Kontamination – der Eintrag von außen, den saubere Präanalytik verhindern soll
  • Postanalytik – das Gegenstück nach der Messung: Bewertung und Bericht
  • Urinprobe – die Matrix mit den strengsten Anforderungen an den Abgabevorgang

Synonyme: präanalytische Phase, Präanalyse. Stand der fachlichen Angaben: August 2026. Grundlagen: Beurteilungskriterien 5. Auflage 2026 der DGVP/DGVM (CTU 1 bis CTU 4), Richtlinien der GTFCh zur Qualitätssicherung bei forensisch-toxikologischen Untersuchungen und deren Anhang C zur Haaranalytik, DIN EN ISO/IEC 17025:2018.

Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder MPU-Beratung. Keine Definition in diesem Lexikon erlaubt eine automatische Zuordnung, Diagnose oder Prognose für Ihren konkreten Fall.

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