LEXIKON

Ethylglucuronid

Ethylglucuronid – kurz EtG – ist ein direktes Abbauprodukt von Trinkalkohol. Der Körper bildet es ausschließlich dann, wenn tatsächlich Ethanol aufgenommen wurde. Genau das macht EtG zum wichtigsten Marker für Abstinenznachweise: Im Haar belegt es einen Zeitraum von bis zu drei Monaten, im Urin die letzten Tage.

Wie Ethylglucuronid entsteht

Der weitaus größte Teil des aufgenommenen Ethanols wird über das Enzym Alkoholdehydrogenase zu Acetaldehyd und weiter zu Essigsäure abgebaut. Nur ein winziger Anteil nimmt einen anderen Weg: Er wird in der Leber an Glucuronsäure gekoppelt. Dieses Kopplungsprodukt ist Ethylglucuronid. Es ist wasserlöslich, chemisch stabil und wird über den Urin ausgeschieden. Ein Teil gelangt zuvor über die Blutbahn in die wachsende Haarwurzel und wird dort dauerhaft in die Haarmatrix eingelagert.

Entscheidend ist: EtG kann nicht entstehen, ohne dass Ethanol im Körper war. Es ist damit ein direkter Alkoholmarker – anders als indirekte Marker wie GGT, CDT oder MCV, die lediglich Folgen längeren Konsums abbilden und auch ganz andere Ursachen haben können.

EtG im Haar: Grenzwerte und belegbarer Zeitraum

Die international maßgebliche Society of Hair Testing hat 2019 folgende Entscheidungsgrenzen für das kopfnahe Haarsegment festgelegt:

EtG-Konzentration Fachliche Bewertung
bis 5 pg/mg widerspricht einer behaupteten Abstinenz nicht
mehr als 5 pg/mg spricht für wiederholten Alkoholkonsum
ab 30 pg/mg spricht stark für chronisch exzessiven Konsum, definiert als durchschnittlich 60 g reines Ethanol oder mehr pro Tag über mehrere Monate

Für die zeitliche Zuordnung wird eine Haarwachstumsrate von etwa einem Zentimeter pro Monat zugrunde gelegt. Ein Zentimeter Haar entspricht damit rechnerisch einem Monat. Für den Alkoholabstinenzbeleg darf in Deutschland jedoch höchstens ein drei Zentimeter langes kopfnahes Segment ausgewertet werden – eine einzelne EtG-Haaranalyse belegt also maximal drei Monate. Bei Drogen sind es sechs Zentimeter und damit sechs Monate.

5 oder 7 Pikogramm? Ein häufiger Irrtum

Im Netz zirkuliert bis heute der Wert 7 pg/mg. Er ist veraltet. Er stammt aus den Konsensuspapieren von 2014 und 2016 und galt in Deutschland bis zur dritten Auflage der Beurteilungskriterien. Mit der vierten Auflage 2022 wurde die Entscheidungsgrenze ausdrücklich auf 5 pg/mg herabgesetzt. Wer eine undatierte Webseite mit „7 pg/mg“ findet, liest also einen alten Stand. Praktisch bedeutet die Absenkung: Es wird strenger gemessen als früher.

EtG im Urin

Im Urin gilt für den deutschen MPU-Abstinenzbeleg eine Entscheidungsgrenze von 100 ng/ml, bestimmt mit LC-MS/MS. Bei stark trinkenden Personen war EtG in einer kontrollierten Studie 40 bis 130 Stunden nachweisbar, im Median 78 Stunden. Nach einer sehr kleinen Menge – rund 8 g Ethanol – lag die maximale Nachweisdauer bei 22 Stunden. Der Urin zeigt also ein kurzes, dafür sehr scharfes Fenster, das Haar ein langes mit gröberer Auflösung. Beide Verfahren ergänzen sich deshalb.

Warum ein „alkoholfreies“ Bier zum Problem werden kann

Weil die deutsche Entscheidungsgrenze im Urin mit 100 ng/ml niedrig liegt, können auch unbeabsichtigte Alkoholmengen auffallen. Kontrollierte Untersuchungen zeigen bei diesem Cut-off positive Befunde:

  • bis zu 13 Stunden nach reichlich alkoholfreiem Bier (zwei bis drei Liter, entsprechend etwa 7 bis 11 g Ethanol)
  • bis zu 5 Stunden nach Sauerkraut
  • bis zu 3,5 Stunden nach überreifen Bananen
  • Traubensaft blieb dagegen negativ

Nach 24 Stunden lagen die Werte stets deutlich unter der Grenze. Auch hochprozentige Mundspülungen sind relevant: In einer Studie mit viermal täglicher Anwendung wurde in einer Probe 173 ng/ml gemessen. Beim in den USA üblichen Cut-off von 500 ng/ml wäre das unauffällig geblieben – beim deutschen Wert von 100 ng/ml nicht. Wer in einem Kontrollprogramm ist, sollte alkoholhaltige Lebensmittel, Mundspülungen und Arzneitropfen deshalb konsequent meiden.

Was den Haarbefund verfälschen kann

Chemische Haarbehandlungen waschen EtG teilweise aus. Eine Untersuchung des Instituts für Rechtsmedizin der Goethe-Universität Frankfurt bestimmte, wie viel des ursprünglichen EtG-Gehalts übrig bleibt: bei Tönung etwa 70 Prozent, bei semipermanenter Färbung 42 Prozent, bei Henna 38 Prozent und bei permanenten Verfahren nur noch 18 Prozent. Eine Bleichung von 45 Minuten führte in vitro zu Verlusten von 42 bis 99 Prozent.

Deshalb wird in Deutschland ein Alkoholabstinenzbeleg über getöntes, gefärbtes oder gebleichtes Haar nicht anerkannt. Nicht angegebene Behandlungen machen einen negativen Befund nach den CTU-Kriterien unverwertbar. Unbedenklich sind dagegen Haarspray, Gel, Wachs, Öle und alkoholhaltige Pflegeprodukte – sie beeinflussen den EtG-Gehalt nach dem Konsenspapier von 2019 nicht.

Bedeutung für die MPU

Anlage 4 der Fahrerlaubnis-Verordnung verlangt bei Nummer 8.4 nach überwundener Alkoholabhängigkeit in der Regel den Nachweis eines Jahres Abstinenz. EtG ist der Parameter, mit dem dieser Nachweis geführt wird. Ein zwölfmonatiger Beleg über Haaranalysen besteht aus vier Analysen im Abstand von jeweils drei Monaten; alternativ sind Urinkontrollprogramme mit mindestens sechs unangekündigten Terminen in zwölf Monaten möglich.

Ein praktisch wichtiger Unterschied: Ein Urinprogramm wirkt nur nach vorn, muss also vollständig im Voraus vereinbart werden. Eine Haaranalyse kann dagegen rückwirkend belegen – bei Alkohol allerdings höchstens drei Monate pro Analyse. Wer seinen Abstinenzbeginn also spät dokumentiert, verliert Zeit, die nicht mehr nachgeholt werden kann.

Zu berücksichtigen ist außerdem die Messunsicherheit. Für die Haaranalytik ist ein Bereich von rund plus/minus 30 Prozent harmonisiert; bei Entscheidungen an der Grenze ist sie zugunsten der betroffenen Person zu berücksichtigen.

Häufige Fragen

Wie lange ist Alkohol im Haar nachweisbar?

Solange das Haar wächst und nicht abgeschnitten wird, bleibt eingelagertes EtG erhalten. Anerkannt wird für den Alkoholnachweis aber nur ein Zeitraum von drei Monaten pro Analyse, unabhängig davon, wie lang das Haar tatsächlich ist.

Kann eine negative Haaranalyse einen positiven Urinbefund entkräften?

Nein. Beide Matrizes bilden unterschiedliche Zeiträume und Empfindlichkeiten ab. Ein positiver Urinbefund bleibt bestehen, auch wenn die Haaranalyse unauffällig ist.

Bin ich mit Kurzhaarschnitt vom Nachweis ausgeschlossen?

Nein, aber es sind dann mehr Untersuchungen nötig, weil pro Analyse weniger Zeit abgedeckt wird. In Ausnahmefällen kommt Körperhaar in Betracht; für Achselhaar gilt der EtG-Grenzwert allerdings nicht.

Was bedeutet ein Wert von genau 5 pg/mg?

Ein Wert bis einschließlich 5 pg/mg widerspricht der behaupteten Abstinenz nicht. Die Bewertung ist damit bewusst vorsichtig formuliert: Sie bestätigt nicht positiv Abstinenz, sondern stellt fest, dass der Befund ihr nicht entgegensteht.

Verwandte Begriffe

Synonym: EtG. Stand der fachlichen Angaben: August 2026. Grundlagen: Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Alkoholmarkern im Haar (2019), Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung – Beurteilungskriterien (5. Auflage 2026, DGVP/DGVM), Anlage 4 der Fahrerlaubnis-Verordnung, Richtlinien der GTFCh sowie veröffentlichte Studien zu Störfaktoren und Haarkosmetik.

Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder MPU-Beratung. Keine Definition in diesem Lexikon erlaubt eine automatische Zuordnung, Diagnose oder Prognose für Ihren konkreten Fall.

← Zurück zum Lexikon (Buchstabe E)

Betrifft Sie das konkret?

Dieser Artikel erklärt einen Fachbegriff — er ersetzt kein Gespräch über Ihren Fall.

Wenn Sie wissen wollen, was das für Ihre Haaranalyse oder Ihren Abstinenznachweis bedeutet: Rufen Sie an oder nutzen Sie das Kontaktformular.