LEXIKON

Bleichen

Bleichen ist ein oxidatives Verfahren, das mit einem alkalischen Ansatz und Wasserstoffperoxid auf den Haarschaft einwirkt. Dabei wird nicht nur Farbe zerstört, sondern die Haarstruktur so aufgelockert, dass wasserlösliche Analyten aus der Matrix austreten oder chemisch abgebaut werden. Im Laborversuch verlor eine 45-minütige Bleichung 42 bis 99 Prozent des extrahierbaren EtG. Fachlich folgt daraus, dass ein niedriger Messwert an gebleichtem Haar keine Aussagekraft hat.

Was beim Bleichen chemisch geschieht

Das Verfahren arbeitet in zwei Richtungen gleichzeitig. Der alkalische Anteil lässt das Haar aufquellen und hebt die Schuppenschicht an, sodass die äußere Barriere des Haares durchgängig wird. Das Wasserstoffperoxid oxidiert anschließend das Melanin im Haarinneren zu farblosen Abbauprodukten. Der Angriff bleibt dabei nicht auf den Farbstoff beschränkt: oxidiert werden auch Bestandteile des Keratingerüsts, insbesondere die Schwefelbrücken, die dem Haar seine Festigkeit geben. Zurück bleibt eine porösere, stärker quellfähige Haarmatrix, die Wasser leichter aufnimmt und wieder abgibt. Diese Veränderung ist dauerhaft – sie verschwindet nicht mit der Zeit, sondern nur mit dem Herauswachsen des behandelten Haarabschnitts.

Warum EtG dabei besonders stark verloren geht

Ethylglucuronid ist ein Glucuronid: ein kleines, stark polares und ausgesprochen gut wasserlösliches Molekül. Es bindet nicht an Melanin, sondern liegt im wässrigen Kompartiment des Haares vor. Eine aufgequollene, geöffnete Matrix ist für ein solches Molekül durchgängig; es diffundiert mit der Behandlungsflüssigkeit nach außen. Hinzu kommt der zweite Weg: das Oxidationsmittel kann den Analyten unmittelbar chemisch verändern, sodass er analytisch nicht mehr erfasst wird. Beide Mechanismen wirken in dieselbe Richtung, und beide senken den Messwert – nie erhöhen sie ihn. Deshalb ist ein Störfaktor dieser Art immer ein Risiko für die betroffene Person und nicht für die Behörde: Er kann einen redlich geführten Nachweis unbrauchbar machen.

42 bis 99 Prozent: was der Laborversuch zeigt

Die belastbarste experimentelle Grundlage stammt aus einer Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin (Ammann 2017). Haarproben wurden dort in vitro über 45 Minuten gebleicht; der Verlust des extrahierbaren EtG lag zwischen 42 und 99 Prozent. Passend dazu ergab die Untersuchung von Petzel-Witt und Kollegen an der Goethe-Universität Frankfurt (2018), dass nach permanenten Verfahren nur noch etwa 18 Prozent des ursprünglichen EtG-Gehalts messbar waren – gegenüber etwa 42 Prozent bei semipermanenter Färbung und etwa 70 Prozent bei einer Tönung. Entscheidend an der Spanne von 42 bis 99 Prozent ist ihre Breite. Sie hängt von Konzentration und Einwirkzeit, vom Haartyp, von Vorbehandlungen und von der Verteilung des Analyten im Haar ab. Ein Korrekturfaktor lässt sich daraus nicht ableiten, und genau deshalb wird die Probe nicht rechnerisch angepasst, sondern als nicht beurteilbar behandelt.

Warum der Effekt von der Substanz abhängt

Nicht jeder Analyt reagiert gleich. Wie stark eine Bleichung durchschlägt, hängt davon ab, wie der Stoff im Haar gebunden ist und wie empfindlich das Nachweisverfahren arbeitet.

Analyt Bindung und Eigenschaften Bedeutung für die Messung
EtG klein, polar, wasserlöslich, keine Melaninbindung Entscheidungsgrenze nur 5 pg/mg – jeder Verlust wirkt sofort
THC-COOH saure Verbindung, kaum melaninaffin, sehr niedrige Einlagerungsrate gefordert ist eine Bestimmungsgrenze von 0,2 pg/mg, also im untersten Spurenbereich
Kokain basisch, gute Bindung an Melanin Cut-off 500 pg/mg, größerer Abstand zur Nachweisgrenze
Amphetamine, Morphin basisch, melaninaffin Cut-off jeweils 200 pg/mg nach dem Konsenspapier 2021

Je niedriger der Grenzwert und je schwächer die Bindung im Haar, desto empfindlicher reagiert das Ergebnis. Bei THC-Carbonsäure wird das besonders deutlich: die geforderte Bestimmungsgrenze liegt rund 250-fach unter dem THC-Cut-off von 50 pg/mg, sodass hier schon geringe Verluste den Unterschied zwischen Nachweis und Nichtnachweis ausmachen können.

Warum ein negativer Befund an gebleichtem Haar nichts beweist

Eine Abstinenzanalyse prüft, ob ein Marker unterhalb einer Entscheidungsgrenze liegt. Sie kann jedoch nicht unterscheiden, ob der Marker nie eingelagert wurde oder ob er nachträglich aus dem Haar entfernt worden ist. An gebleichtem Haar sind beide Erklärungen gleich plausibel, und damit verliert der Befund seine Beweiskraft – ein klassischer falsch negativer Zusammenhang. Auch die harmonisierte Messunsicherheit der Haaranalytik von etwa 30 Prozent hilft hier nicht weiter: sie beschreibt die Streuung des Messverfahrens, nicht einen Substanzverlust, der bis nahe 100 Prozent reichen kann. Hinzu kommt, dass jede Haarprobe im Labor ohnehin einen validierten Dekontaminationsschritt durchläuft, der selbst einen gewissen Analytverlust mit sich bringt; die GTFCh verlangt dafür eine Abwägung zwischen ausreichender Reinigung und Analytverlust. Bei vorgeschädigtem Haar addieren sich diese Effekte, wie unter Waschverfahren Haar beschrieben.

Abgrenzung zu den Nachbarbegriffen

Diese Seite erklärt den Mechanismus und seine analytischen Folgen. Was eine Bleichung praktisch für ein laufendes oder geplantes Kontrollprogramm bedeutet, welche Fristen zu beachten sind und welche Alternativen bestehen, steht unter Blondierung. Wie sich die Behandlung in einem konkreten Befund und in dessen Interpretation niederschlägt, behandelt Bleicheffekt.

Häufige Fragen

Wird EtG durch Bleichen ausgewaschen oder chemisch zerstört?

Beides ist beschrieben. Die aufgequollene Haarstruktur lässt das gut wasserlösliche Molekül austreten, und das Oxidationsmittel kann es zusätzlich chemisch verändern. In der Messung sind beide Wege nicht zu trennen.

Kann der Verlust nachträglich herausgerechnet werden?

Nein. Der Verlust reicht im Laborversuch von 42 bis 99 Prozent und ist im Einzelfall nicht bestimmbar. Ein Korrekturfaktor wäre fachlich nicht begründbar, weshalb betroffene Proben als nicht beurteilbar gelten.

Sind Drogenbefunde genauso betroffen wie EtG?

Der Effekt tritt auch dort auf, fällt aber substanzabhängig unterschiedlich aus. Basische, melaninaffine Stoffe sind besser im Haar gebunden, während saure und polare Analyten wie THC-Carbonsäure besonders empfindlich reagieren.

Erholt sich das Haar wieder, wenn ich es pflege?

Nein. Die oxidative Veränderung des Haarschafts ist irreversibel; Pflegeprodukte können das Haar glätten und stabilisieren, aber den verlorenen Analyten nicht zurückbringen. Nur der Zuwachs unbehandelten Haares stellt einen beurteilbaren Abschnitt wieder her.

Verwandte Begriffe

  • Blondierung – die praktische Seite: Fristen, Programmfolgen, Alternativen
  • Bleicheffekt – die Auswirkung auf Befund und Interpretation
  • Haarkosmetik – alle Behandlungen im Überblick, mit unbedenklichen Produkten
  • Haarmatrix – Aufbau des Haarschafts und Einlagerung von Analyten
  • Verwertbarkeit – wann ein Befund als Beleg taugt und wann nicht
  • Cut-off – warum die Höhe der Entscheidungsgrenze den Effekt mitbestimmt

Synonyme und verwandte Bezeichnungen: Bleichung, oxidative Haarbehandlung, Aufhellung. Stand der fachlichen Angaben: August 2026. Grundlagen: Konsenspapiere der Society of Hair Testing (EtG/EtPa 2019, Drogen 2021), Richtlinien der GTFCh (Anhang C), Beurteilungskriterien 5. Auflage 2026 der DGVP/DGVM sowie die genannten Primärstudien.

Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder MPU-Beratung. Keine Definition in diesem Lexikon erlaubt eine automatische Zuordnung, Diagnose oder Prognose für Ihren konkreten Fall.

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