LEXIKON
Kokain ist ein Betäubungsmittel, dessen früherer oder fortbestehender Konsum in der Fahreignungsbegutachtung toxikologisch belegt oder ausgeschlossen werden muss. Für Kopfhaar nennt das Konsenspapier der Society of Hair Testing von 2021 einen Cut-off von 500 pg/mg – die in Deutschland verbreitete CTU-Tabelle führt für Kokain dagegen überhaupt keinen Haarwert. Entscheidend ist deshalb weniger eine einzelne Zahl als die Frage, ob neben der Muttersubstanz auch Stoffwechselprodukte gefunden werden.
Kokain ist ein Betäubungsmittel im Sinne des Betäubungsmittelrechts. Fahreignungsrechtlich greift damit § 14 FeV: Nach Absatz 1 ordnet die Fahrerlaubnisbehörde ein ärztliches Gutachten an, wenn Tatsachen die Annahme einer Abhängigkeit von Betäubungsmitteln oder die Einnahme von Betäubungsmitteln begründen. Nach Absatz 2 ist eine medizinisch-psychologische Untersuchung anzuordnen, wenn die Fahrerlaubnis aus einem dieser Gründe entzogen war oder zu klären ist, ob eine Einnahme noch besteht.
Wer nach dem „richtigen“ Kokain-Grenzwert im Haar sucht, findet je nach Quelle etwas anderes. Das ist kein Fehler, sondern Folge dreier verschiedener Systeme. Das internationale Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Drogen aus dem Jahr 2021 nennt für Kokain im Kopfhaar 500 pg/mg. Die deutsche CTU-Praxis, wie sie etwa in der Analytik-Tabelle eines großen Laborverbunds vom November 2025 abgebildet ist, listet Haar-Cut-offs für Amphetamine, MDMA, Benzodiazepine, Morphin, Methadon und Ethylglucuronid – für Kokain und die Cannabinoide jedoch keinen Wert. Die schweizerische SGRM-Liste vom Mai 2024 ergänzt einen eigenen Wert für Benzoylecgonin.
| Matrix und Regelwerk | Analyt | Wert |
|---|---|---|
| Kopfhaar, Konsenspapier SoHT 2021 | Kokain | 500 pg/mg |
| Kopfhaar, deutsche CTU-Tabelle 11/2025 | Kokain | kein Wert geführt |
| Kopfhaar, SGRM Schweiz 2024 | Benzoylecgonin | 20 pg/mg |
| Urin-Screening, Immunoassay | Kokainmetabolit | 150 ng/ml |
| Urin-Bestätigung, deutsche CTU-Kriterien | Kokain | 100 ng/ml |
| Urin-Bestätigung, deutsche CTU-Kriterien | Benzoylecgonin | 20 ng/ml |
Zwei Randbedingungen sind bei den Haarwerten wichtig: Der Cut-off des Konsenspapiers gilt für Segmente von höchstens 3 cm; bei längeren Abschnitten muss die Verdünnung des Signals berücksichtigt werden. Und für die Haaranalytik ist eine harmonisierte Messunsicherheit von ± 30 % anerkannt, die bei Entscheidungen an der Grenze zugunsten der betroffenen Person zu berücksichtigen ist.
Der eigentliche fachliche Kern liegt nicht im Zahlenwert, sondern in der Stoffauswahl. Kokain haftet sehr gut an der Haaroberfläche. Ein Haar kann daher Kokain tragen, ohne dass die Substanz über den Blutweg in die wachsende Haarwurzel eingelagert wurde. Genau deshalb verlangt das Konsenspapier 2021, zur Bestätigung eines Konsums Stoffwechselprodukte heranzuziehen: Benzoylecgonin, Norkokain, Cocaethylen, Hydroxycocaine oder Hydroxybenzoylecgonin. Bei Crack kommt Anhydroecgoninmethylester als spezifischer Marker hinzu.
Wichtig und in Diskussionen oft übergangen: Es gibt keine konsentierte numerische Verhältnisregel zwischen einem Metaboliten und der Muttersubstanz. Das Konsenspapier verzichtet ausdrücklich auf Verhältniskriterien. Zahlen, die im Netz als feste Quotienten kursieren, sind fachlich nicht gedeckt. Die Bewertung bleibt eine sachverständige Interpretation des Gesamtbefunds.
Weil Kokain oberflächlich anhaftet, ist ein validierter Waschschritt vor der Extraktion zwingend. Das Konsenspapier fordert eine Dekontamination und hält die Analyse der Waschlösungen für nützlich, weil sie zeigt, wie viel Substanz nur außen anlag. Ein einheitliches, international abgestimmtes Waschprotokoll existiert bis heute nicht; die Richtlinien der GTFCh verlangen daher eine Abwägung zwischen ausreichender Reinigung und dem Verlust eingelagerter Substanz. Die 5. Auflage der Beurteilungskriterien von 2026 hat diesen Punkt aufgegriffen und im Kapitel C 3.3 zur Haaranalytik die Unterscheidung zwischen Konsum und Kontamination ausdrücklich auch für Kokain aufgenommen – bislang war dieser Aspekt vor allem für Cannabinoide ausformuliert.
Im Urin läuft der Nachweis zweistufig. Das Screening erfolgt als Immunoassay auf den Kokainmetaboliten mit einer Entscheidungsgrenze von 150 ng/ml. Dieser Assay gilt als das spezifischste Drogenscreening überhaupt, weil bislang keine gesicherte Interferenzsubstanz identifiziert wurde – anders als bei den Amphetamin- oder Opiat-Tests, wo zahlreiche Kreuzreaktionen belegt sind. Trotzdem gilt die Grundregel der GTFCh unverändert: Ein positives Screening ist isoliert nicht gerichtsverwertbar und muss durch ein zweites, unabhängiges, identifizierendes Verfahren mit mindestens gleicher Empfindlichkeit bestätigt werden – und niemals durch einen zweiten Immunoassay.
Zum Nachweisfenster: In kontrollierten Studien war Kokain nach intranasaler Aufnahme bis etwa 40 Stunden nachweisbar, Benzoylecgonin 48 bis 72 Stunden. Nach starkem chronischem Konsum verlängert sich das Fenster deutlich; Kokainmetaboliten können dann bis zu drei Wochen erfassbar bleiben. Deutsche Laborangaben für den Regelfall bewegen sich bei rund drei Tagen.
In einem Abstinenzkontrollprogramm auf Betäubungsmittel wird bei Haarkontrollen ein Segment von maximal 6 cm ausgewertet, das einem anerkannten Zeitraum von höchstens sechs Monaten entspricht – ein Monat pro Zentimeter, unabhängig davon, wie lang das Haar tatsächlich ist. Über zwölf Monate sind daher zwei Haaranalysen im Abstand von sechs Monaten vorgesehen, wobei die Lücke zwischen zwei Nachweisfenstern zwei Wochen nicht überschreiten darf. Wer stattdessen Urinkontrollen wählt, muss das Programm prospektiv und vollständig durchlaufen; zwischen Einbestellung und Abgabe liegen maximal 24 Stunden.
Nein, die in der deutschen CTU-Praxis verbreitete Cut-off-Tabelle führt für Kokain keinen Haarwert. Labore orientieren sich deshalb am internationalen Konsenspapier von 2021 mit 500 pg/mg und beurteilen den Befund zusätzlich anhand der nachgewiesenen Stoffwechselprodukte.
Weil Kokain gut an der Haaroberfläche haftet und ein reines Kokainsignal deshalb auch von außen stammen kann. Erst der Nachweis von Stoffwechselprodukten wie Benzoylecgonin, Norkokain oder Cocaethylen spricht dafür, dass die Substanz den Körper durchlaufen hat.
Nein. Kokain bleibt ein Betäubungsmittel unter § 14 FeV und Anlage 4 Nr. 9, während Cannabis seit April 2024 über den eigenen § 13a FeV läuft. Nach Anlage 4 Nr. 9.1 genügt bei Betäubungsmitteln bereits die Einnahme, um die Fahreignung zu verneinen.
Synonyme und Schreibweisen: Cocain, Kokainhydrochlorid, Koks. Stand der fachlichen Angaben: August 2026. Grundlagen: Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Drogen (2021), Cut-off-Liste der SGRM (2024), deutsche CTU-Praxis nach Laborangaben 11/2025, Beurteilungskriterien 5. Auflage 2026 der DGVP/DGVM, Fahrerlaubnis-Verordnung, Richtlinien der GTFCh.
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