LEXIKON
Codein ist ein verschreibungspflichtiger Arzneistoff aus der Gruppe der Opiate, der im Körper zu einem Teil in Morphin umgewandelt wird. Genau diese Umwandlung macht ihn für Abstinenzkontrollen bedeutsam: Ein Morphinbefund kann seine Ursache in einem ärztlich verordneten codeinhaltigen Präparat haben. Ob ein solcher Befund als Konsum oder als Behandlungsfolge zu bewerten ist, entscheidet nicht das Labor, sondern die Begutachtungsstelle.
Codein wird beim Abbau im Körper teilweise zu Morphin umgebaut. Nach der Einnahme eines codeinhaltigen Präparats sind daher regelmäßig beide Substanzen bestimmbar – die Muttersubstanz Codein und der Metabolit Morphin. Für die Auswertung ist das eine typische Konstellation: Ein Befund, in dem Codein deutlich vorhanden ist und Morphin daneben in geringerem Maße auftritt, passt zu einer Codeinquelle. Ein Morphinbefund ohne Codein passt nicht dazu. Umgekehrt sagt Codein nichts über Heroin aus – dessen Nachweis läuft über einen eigenen, nur aus Heroin entstehenden Metaboliten, beschrieben unter Heroin.
Die forensische Toxikologie beschreibt also Befundmuster, sie liest daraus aber keine Aufnahmemengen und keine Einnahmezeitpunkte ab. Das Labor berichtet, welche Analyten in welcher Konzentration in welchem Haarsegment oder in welcher Urinprobe gefunden wurden. Die Zusammenführung dieses Ergebnisses mit einer vorgelegten Arzneimittelverordnung ist Aufgabe der begutachtenden Stelle.
Das Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Drogen im Haar von 2021 führt Codein mit derselben Entscheidungsgrenze wie Morphin und Dihydrocodein. Im Urin klaffen die Maßstäbe dagegen weit auseinander, und dieser Unterschied ist der praktisch wichtigste Punkt der Seite.
| Matrix und Analyt | Wert | Regelwerk |
|---|---|---|
| Haar, Codein | 200 pg/mg | Konsenspapier 2021 |
| Haar, Dihydrocodein | 200 pg/mg | Konsenspapier 2021 |
| Urin, Codein (Screening und Bestätigung) | 2.000 ng/ml | US-Bundesstandard |
| Urin, Morphin (Screening und Bestätigung) | 2.000 ng/ml | US-Bundesstandard |
| Urin, Morphin (Bestätigung) | 25 ng/ml | deutsche CTU-Kriterien |
Der deutsche Bestätigungswert für Morphin liegt damit um ein Vielfaches unter dem US-Wert. Das ist gewollt: Ein Abstinenzbeleg soll empfindlich sein. Es hat aber die Folge, dass auch kleine Opiatmengen sichtbar werden, die unter dem US-Maßstab niemals aufgefallen wären. Wer die Herkunft eines solchen Befundes nicht erklären kann, hat ein Problem, das sich nachträglich kaum auflösen lässt. Zu den Begriffen siehe Cut-off und Bestätigungsanalyse.
Der weitaus häufigste Grund für einen erklärbaren Codeinbefund ist ein ärztlich verordnetes Hustenmittel. Codein wird als Antitussivum eingesetzt, also zur Dämpfung des Hustenreizes, und ist in dieser Anwendung ein Arzneistoff (in älteren Texten „Medikament“) wie jeder andere. Fachlich richtig ist deshalb die klare Trennung: Eine Einnahme nach ärztlicher Verordnung ist etwas grundlegend anderes als ein Konsum ohne medizinische Indikation. Voraussetzung dafür, dass diese Unterscheidung überhaupt getroffen werden kann, ist die Offenlegung.
Praktisch bedeutet das: Jede Verordnung, die in den Überwachungszeitraum fällt, sollte der durchführenden Stelle unaufgefordert und zeitnah mitgeteilt und belegt werden – nicht erst, wenn ein Befund vorliegt. Eine erst nachträglich vorgelegte Erklärung wiegt erkennbar weniger als eine vorher dokumentierte Behandlung. Welche Präparate im Einzelfall betroffen sind, ist unter Hustensaft und Hustenmittel beschrieben. Hinweise zum Umgang mit einer laufenden Behandlung gehören ausschließlich in die Hände der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes.
Ein zweiter, oft übersehener Punkt betrifft nicht den Opiat-Test, sondern einen fremden. Für Buprenorphin-Immunoassays ist eine Interferenz durch Codein ab etwa 2.550 ng/ml beschrieben. Ein hoher Codeinspiegel kann also ein Screening auf eine Substanz anstoßen, die nie eingenommen wurde. Dass ein solcher Hinweis kein Beweis ist, ist Grundregel der forensischen Toxikologie: Positive Ergebnisse hinweisgebender Verfahren sind isoliert nicht gerichtsverwertbar und müssen durch ein zweites, unabhängiges, spezifisches Verfahren mit mindestens gleicher Empfindlichkeit bestätigt werden – und ein Immunoassay kann nicht durch einen zweiten Immunoassay bestätigt werden. Hintergrund unter Kreuzreaktion, falsch-positiv und Buprenorphin.
Dihydrocodein ist ein eigener Wirkstoff mit eigenem Analyten und eigener, gleich hoher Entscheidungsgrenze im Haar; er ist nicht dasselbe wie Codein und wird gesondert bestimmt. Einzelheiten unter Dihydrocodein. Von den stärker wirksamen Opioidanalgetika unterscheidet sich Codein durch seine typische Anwendung und dadurch, dass es einen etablierten Analyten mit konsentierter Entscheidungsgrenze besitzt – was, wie die Seite Tilidin zeigt, keineswegs für jeden verordneten Wirkstoff gilt.
§ 14 Abs. 1 der Fahrerlaubnis-Verordnung erfasst neben Betäubungsmitteln ausdrücklich die missbräuchliche Einnahme psychoaktiv wirkender Arzneimittel und anderer Stoffe. Anlage 4 Nr. 9.4 verneint die Fahreignung bei missbräuchlicher Arzneimitteleinnahme, Nr. 9.6 bei einer Dauerbehandlung mit Arzneimitteln, die zu Vergiftung oder Leistungsbeeinträchtigung führt. Beide Regelungen zielen auf Fehlgebrauch (früher „Missbrauch“) oder auf Beeinträchtigung – nicht auf jede bestimmungsgemäße Einnahme. Die Bewertung im Einzelfall trifft die Begutachtungsstelle auf Grundlage der 5. Auflage der Beurteilungskriterien von 2026. In einem laufenden Programm entscheidet vor allem die Dokumentation darüber, ob ein Befund erklärt oder ungeklärt bleibt.
Ja. Da Codein im Körper teilweise zu Morphin umgewandelt wird, kann ein Morphinbefund auf ein codeinhaltiges Präparat zurückgehen. Beim deutschen Bestätigungswert von 25 ng/ml Morphin im Urin ist das ein realistisches Szenario.
Ja, und zwar möglichst vor der nächsten Probenabgabe. Nur eine vorab dokumentierte Verordnung erlaubt es der Begutachtungsstelle, einen späteren Befund als Behandlungsfolge und nicht als ungeklärten Opiatnachweis zu bewerten.
Nein. Ein Befund aus bestimmungsgemäßer ärztlicher Behandlung ist etwas anderes als ein Konsumbefund. Die Einordnung obliegt der Begutachtungsstelle; das Labor stellt nur fest, welche Analyten in welcher Konzentration nachweisbar waren.
Weil er einem anderen Zweck dient. Der US-Wert von 2.000 ng/ml ist auf Arbeitsplatztestung ausgelegt, der deutsche CTU-Wert von 25 ng/ml auf den Nachweis von Substanzfreiheit – und damit auf hohe Empfindlichkeit.
Synonyme und verwandte Bezeichnungen: Methylmorphin, codeinhaltige Antitussiva. Stand der fachlichen Angaben: August 2026. Grundlagen: Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Drogen im Haar (2021), Beurteilungskriterien 5. Auflage 2026 der DGVP/DGVM mit den CTU-Kriterien, Fahrerlaubnis-Verordnung mit Anlage 4, Richtlinien der GTFCh, US-Bundesstandard 49 CFR § 40.85 als Vergleichsmaßstab.
Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder MPU-Beratung. Keine Definition in diesem Lexikon erlaubt eine automatische Zuordnung, Diagnose oder Prognose für Ihren konkreten Fall.
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