LEXIKON
Heroin ist ein illegales halbsynthetisches Opioid, dessen Konsum analytisch über das Abbauprodukt 6-Monoacetylmorphin nachgewiesen wird. Der Stoff selbst wird im Körper innerhalb kurzer Zeit umgebaut – zunächst zu 6-Monoacetylmorphin, dann weiter zu Morphin. Für eine Haar- oder Urinuntersuchung ist deshalb nicht der Morphinwert allein aussagekräftig, sondern die Frage, ob heroinspezifische Substanzen gefunden werden.
Morphin ist der gemeinsame Endpunkt mehrerer sehr unterschiedlicher Wege. Es kann aus Heroin entstehen, es kann aus Codein gebildet werden, es kann aus einem ärztlich verordneten Arzneistoff (früher „Medikament“) stammen, und es kann in geringen Mengen aus dem Verzehr von Mohn herrühren. Ein isolierter Morphinbefund trägt daher keine Aussage darüber, welche Substanz tatsächlich aufgenommen wurde. Genau an dieser Stelle setzt das Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Drogen im Haar aus dem Jahr 2021 an: Ein Heroinkonsum muss über 6-Monoacetylmorphin und/oder Heroin selbst von einem Codein- oder Morphinkonsum abgegrenzt werden.
6-Monoacetylmorphin ist die entscheidende Zwischenstufe, weil es beim Abbau von Heroin zwangsläufig entsteht, aus Morphin oder Codein aber nicht gebildet werden kann. Wird es in einem Haarsegment sicher identifiziert, ist der Weg über Heroin nachvollzogen. Fehlt es, obwohl Morphin gefunden wurde, muss das Labor genau das so berichten – und die Klärung der Herkunft ist dann eine Interpretationsfrage, nicht eine Messfrage. Ausführlich beschrieben ist dieser Zusammenhang unter 6-Monoacetylmorphin und Morphin.
Das Konsenspapier 2021 legt für die opiattypischen Analyten einheitliche Entscheidungsgrenzen fest. Sie gelten für Segmente von höchstens 3 cm; wird ein längeres Segment untersucht – in deutschen Drogenkontrollprogrammen sind bis zu 6 cm üblich –, ist der Verdünnungseffekt über die längere Zeitspanne bei der Bewertung zu berücksichtigen.
| Analyt im Kopfhaar | Entscheidungsgrenze | Grundlage |
|---|---|---|
| Heroin | 200 pg/mg | Konsenspapier 2021 |
| 6-Monoacetylmorphin | 200 pg/mg | Konsenspapier 2021 |
| Morphin | 200 pg/mg | Konsenspapier 2021 |
| Codein | 200 pg/mg | Konsenspapier 2021 |
| Morphin | 100 pg/mg | deutsche Praxistabelle nach den CTU-Kriterien |
Dass die deutsche Praxis bei Morphin niedriger ansetzt als das internationale Konsenspapier, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck des Zwecks: Im Abstinenzkontrollprogramm soll auch ein geringer Befund auffallen. Hinzu kommt die harmonisierte Messunsicherheit der Haaranalytik von rund 30 Prozent, die bei Entscheidungen an der Grenze zugunsten der betroffenen Person zu berücksichtigen ist. Grundlagen dazu unter Cut-off und Messunsicherheit.
Die Urinanalytik zeigt das Prinzip noch deutlicher. Der US-Bundesstandard setzt für Morphin und Codein sowohl im Vortest als auch in der Bestätigung 2.000 ng/ml an, für 6-Acetylmorphin dagegen 10 ng/ml in beiden Schritten – also einen sehr viel empfindlicheren Wert, gerade weil dieser Analyt spezifisch ist und weil er nur kurz nachweisbar bleibt. Nach den deutschen CTU-Kriterien liegt der Bestätigungswert für Morphin bei 25 ng/ml. Das gruppenbezogene Immunoassay-Screening auf Opiate arbeitet in deutschen Routinelabors bei 300 ng/ml und ist ausschließlich hinweisgebend; verwertbar wird ein Ergebnis erst durch eine Bestätigungsanalyse mit einem massenspektrometrischen Verfahren.
Das Zeitfenster ist eng. Nach starkem chronischem Konsum sind Heroinmetaboliten im Urin bis zu 11 Tage beschrieben, nach einer einzelnen kleinen Aufnahmemenge nur 1 bis 3 Tage; deutsche Laborangaben nennen für Opiate im Urin gewöhnlich bis zu 3 Tage. Wer ein Abstinenzkontrollprogramm über Urin führt, deckt also nur schmale Ausschnitte ab – die Aussagekraft entsteht aus der Zahl und der Unvorhersehbarkeit der Termine, nicht aus dem einzelnen Befund. Mehr dazu unter Nachweisfenster.
Von außen an das Haar gelangte Substanz ist der bekannteste Störfaktor. Deshalb ist vor der Extraktion ein validierter Dekontaminationsschritt vorgeschrieben, und die Analyse der Waschlösungen kann zusätzliche Hinweise liefern. Ein einheitliches, international konsentiertes Waschprotokoll existiert allerdings nicht; die Richtlinien der GTFCh verlangen eine Abwägung zwischen ausreichender Reinigung und Analytverlust. Chemische Haarbehandlungen können Gehalte senken; nicht angegebene Behandlungen machen einen negativen Befund nach den CTU-Kriterien unverwertbar.
Im Screening ist die zweite Fehlerquelle die begrenzte Spezifität. Für Opiat-Assays sind Interferenzen unter anderem für Rifampicin ab etwa 2.521 ng/ml, Dextromethorphan ab 400.000 ng/ml, Levofloxacin ab 434.000 ng/ml und Diphenhydramin ab über 50.000 ng/ml beschrieben. Umgekehrt gilt: Opiat-Screenings erfassen Methadon, Buprenorphin, Fentanyl, Oxycodon und Hydrocodon nicht zuverlässig. Ein Screening ist damit weder ein Beweis noch ein Freispruch – siehe Kreuzreaktion und falsch-positiv.
Heroin ist ein Betäubungsmittel. Nach § 14 Abs. 1 der Fahrerlaubnis-Verordnung ordnet die Behörde ein ärztliches Gutachten an, wenn Tatsachen die Annahme einer Abhängigkeit oder die Einnahme von Betäubungsmitteln begründen. Nach § 14 Abs. 2 ist eine medizinisch-psychologische Untersuchung anzuordnen, wenn die Fahrerlaubnis aus einem dieser Gründe entzogen war oder zu klären ist, ob die Einnahme noch besteht. Anlage 4 Nr. 9.1 stellt die Einnahme von Betäubungsmitteln der Fahreignung entgegen; Nr. 9.5 sieht eine positive Bewertung nach Entgiftung und Entwöhnung erst nach einjähriger Abstinenz vor. Maßstab der Begutachtung ist die 5. Auflage der Beurteilungskriterien von 2026, die statt von „Drogenfreiheit“ von Substanzfreiheit spricht. Bei einer Fragestellung zu Betäubungsmitteln werden über zwölf Monate in der Regel zwei Haaranalysen mit je bis zu 6 cm Segmentlänge herangezogen.
Nein. Morphin allein belegt keinen Heroinkonsum, weil es aus mehreren Quellen stammen kann. Erst der Nachweis von 6-Monoacetylmorphin oder von Heroin selbst grenzt einen Heroinkonsum von Codein- oder Morphinquellen ab.
Weil er spezifisch ist. Da 6-Acetylmorphin nur aus Heroin entstehen kann und nur kurz nachweisbar bleibt, wird im US-Bundesstandard bereits bei 10 ng/ml gemessen, während Morphin und Codein dort erst bei 2.000 ng/ml erfasst werden.
Einen Heroinbefund nicht, wohl aber einen Opiatbefund. Mohn kann Morphin in die Probe bringen und beim strengen deutschen Bestätigungswert auffallen; 6-Monoacetylmorphin entsteht daraus nicht. Deshalb ist der Verzicht auf mohnhaltige Speisen übliche Programmauflage – siehe Mohngebäck.
Über die untersuchte Haarlänge. Anerkannt wird ein Monat pro Zentimeter, bei Betäubungsmitteln maximal sechs Monate; die Zuordnung zu Zeiträumen erfolgt über die Segmentanalyse.
Synonyme und verwandte Bezeichnungen: Diacetylmorphin, Diamorphin. Stand der fachlichen Angaben: August 2026. Grundlagen: Konsenspapier der Society of Hair Testing zu Drogen im Haar (2021), Beurteilungskriterien 5. Auflage 2026 der DGVP/DGVM einschließlich der CTU-Kriterien, Fahrerlaubnis-Verordnung mit Anlage 4, Richtlinien der GTFCh zur Haar- und Urinanalytik.
Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder MPU-Beratung. Keine Definition in diesem Lexikon erlaubt eine automatische Zuordnung, Diagnose oder Prognose für Ihren konkreten Fall.
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